Isabelle Hofmann - Kulturjournalistin und Autorin

Maler der Elemente

Alles bei diesem Maler sei so „ohne Form und voller Leerstellen“, dass es an das „erste Chaos  der Welt(entstehung)“ erinnern würde,  schrieb der britische Essayist William Hazlitt 1816 hämisch. Es gäbe sogar Leute, die William Turners Bilder „Pictures of nothing“  nennen würden.  Ganz offenkundig hatte der gute Mann nicht begriffen, welch profundes Naturverständnis  Turners revolutionärer,  weit vorgreifender Landschaftsmalerei zu Grunde lag. In der Ausstellung  „William Turner. Maler der Elemente“ führt das Bucerius Kunst Forum vom 2. Juni bis 11. September eben dieses Verständnis vor Augen: Knapp hundert Aquarelle und Gemälde, überwiegend Leihgaben aus der Londoner Tate Gallery, dokumentieren in Hamburg, wie eng der künstlerischer Aufbruch des visionären Engländers mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen jener Zeit verbunden war.  Zugleich spiegelt die Schau aber auch die religiöse Sichtweise des Malers, der Gott als Einheit mit Kosmos und Natur begriff.

Wo hören Erde und Feuer auf? Wo fangen Luft und Wasser an? In William Turners  „Abend der Sintflut“ (1843) scheinen die vier Elemente brodelnd miteinander zu verschmelzen. Das vor Dynamik vibrierende Gemälde erfasst exemplarisch die Wechselwirkungen der elementaren Kräfte, wie sie die Wissenschaft  damals beobachtete.  Bereits 1811 hatte Huphrey Davy erklärt,  dass „die Formen und Erscheinungen der Wesen und Substanzen der äußeren Welt fast unendlich mannigfaltig“ seien und sich „in einem Zustande ununterbrochener Veränderungen“ befänden.  Die exakten Naturwissenschaften, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker differenzierten, lösten die antike Lehre von den vier Elementen als schöpferische Prinzipien ab; gleichzeitig lud die Romantik die Landschaft mit neuen Bedeutungen auf.  Beides trug dazu bei, die Landschaftsmalerei von ihrer überkommenen Rolle als Vedute oder Beiwerk einer Figurenszene zu befreien und sie als eigenständige Gattung zu etablieren. Überall in Europa interessierten sich Künstler mit einem Mal für die Rohstoffe der Natur und  studierten  Gesteins,- Wasser- und Wolkenformationen. Auch William Turner hielt mit ungeheurem Fleiß Naturphänomene fest, 20 000 Zeichnungen und Gemälde vermachte er nach seinem Tod der Londoner National Gallery. Doch anders als viele Kollegen, bezog er zudem das Feuer in seine Landschaftskonzeption ein. Vor allem aber konzentrierte er sich auf die Beziehung der vier Elemente untereinander.  Wie Davy, den er kannte und sicher auch schätzte, verstand  William Turner Feuer, Wasser, Erde und Luft als Teil eines energetischen Prinzips, in dem alles mit allem in Verbindung steht und sich permanent in etwas Neues verwandelt.  Die in fünf Themenbereiche gegliederte Schau veranschaulicht nun, wie diese Weltsicht zum Verzicht auf Gegenständlichkeit und zur Auflösung der Form führte – zu einer unerhört kühnen Abstraktion,  die damals noch gar keinen Namen hatte.  Isabelle Hofmann

 

Copyright Text: Isabelle Hofmann

 


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