Isabelle Hofmann - Kulturjournalistin und Autorin

Kunstrekorde: Mark Rothko

Die Neuigkeit platze mitten in die Ausstellungsvorbereitungen für die Hamburger Schau:  Mark Rothkos  Gemälde „White Center“  erzielte bei Sotheby’s  New York im Mai 2007 die Rekordsumme von  72,8 Millionen Dollar. Der Wegbereiter der Farbfeldmalerei (1903-1970), dessen Meisterwerke  noch bis zum 14.September in der Galerie der Gegenwart zu sehen sind, gehört seitdem zu den zehn teuersten Künstlern der Welt. Man sollte meinen, die Museumsleute wären glücklich über eine derartige Preisentwicklung – eine bessere PR kann man sich ja kaum wünschen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. „Die hohen Preise verstellen den Blick auf das Wesentliche“, sagt Oliver Wick, Rothko-Experte und Kurator der Retrospektive. Das gelte zwar für alle Künstler, aber für den US-Amerikaner ganz besonders. „Rothko wollte die Menschen mit seiner Kunst berühren. Eine intensive Beziehung zwischen Betrachter und Bild schaffen – eine regelrechte Bild-Ehe“.  Diese Verschmelzung könne nun nicht mehr stattfinden. „Das viele Geld verstellt den Zugang“. Die Leute würden sich nicht mehr vorurteilslos  mit den meditativ-kraftvollen Farbfeldern  auseinander setzen, sondern nur noch die Wandaktie sehen.

Die exorbitanten Preise machen es den Kuratoren zudem immer schwerer, hochkarätige Ausstellungen zusammenzustellen. „Je kostbarer die Werke werden, desto weniger sind die Sammler zu Leihgaben bereit“, erläutert der Kunsthistoriker.  „Denn jeder öffentliche Kontakt birgt ein Restrisiko“.  Dafür werden zwar Versicherungen abgeschlossen, doch die Prämien sind mittlerweile so hoch, dass sie kaum noch bezahlbar sind. Und mit jedem neuen Rekord steigen sie weiter. Vor zwei Monaten wurde gerade Francis Bacons „Triptych, 1976“ bei Sotheby’s für 86,3 Millionen Dollar versteigert und rückte in die Liste der zehn teuersten Gemälde der Welt auf. Eine Bacon-Schau wie vor drei Jahren in der Galerie der Gegenwart wäre nach dem neuen Ergebnis kaum noch zu bewerkstelligen. „Zehn Triptychen macht 850 Millionen Dollar“, rechnet der Schweizer vor. „Die Prämie beträgt 1 bis 1,4 Promille, also 850 000 Dollar, das lässt jedes noch so fürstliche Ausstellungs-Budget lächerlich klein aussehen“.  Retrospektiven von Publikumsrennern wie Caspar David Friedrich, Jackson Pollock,  Picasso, Renoir oder Van Gogh  können die Museen nur noch mit Staatshaftung realisieren. Was Wunder, dass sie immer seltener werden. Und Rothkos Werk, das in Hamburg nun mit über 70 Gemälden und rund 40 Arbeiten auf  Papier präsent ist, wird in diesem Umfang in Europa wohl zum letzten Mal zu sehen sein. Wick jedenfalls hält es für höchst unwahrscheinlich, noch einmal die internationalen Leihgaben zusammenzubringen.   

 Aber nicht nur bei den Alten Meistern und modernen Klassikern jagt ein Rekord den nächsten. Auch die jungen Superstars, Künstler wie Daniel Richter,  Neo Rauch, Andreas Gursky oder Jonathan Meese erleben eine schwindelerregende Preisentwicklung.  Die finden mittlerweile auch Experten abenteuerlich. „Wenn ein Künstler, der 2002 noch 2000 Euro gekostet hat,  jetzt für fast eine Million Dollar weggeht, kann ich das nicht ernst nehmen. Das ist nicht echt“, sagt Rik Reinking (32). Der Hamburger Sammler, der sich als „Läufer“ und Trendscout für  internationale Großsammler auf allen Auktionen und Messen tummelt,  gab bei einer Podiumsdiskussion  über Kunstinvestment in der Kunsthalle Ende April ein Beispiel für die grotesken Auswüchse des Kunstmarkt-Hypes zum Besten: Da hätte vor einiger Zeit ein Sammler angerufen und nachgefragt, ob Reinking Werke des Malers beschaffen könne,  der gerade einen neuen Rekord erzielt habe. Der Auftraggeber wusste Auktionshaus und die genaue Summe, die der Künstler erzielt hatte. Nur den Namen, den wusste er nicht. Sollte es zufällig Mark Rothko gewesen sein, so ist dieser sicher im Grab rotiert. Für kein Geld der Welt hätte er eines seiner Bilder an einen Kunstbanausen verkauft.  Rothko litt schon zu Lebzeiten unter dem Kunstmarkt  und verzichtete lieber auf lukrative Großaufträge, als Gefahr zu laufen, seine Gemälde als Dekorations- oder Spekulationsobjekte missbraucht zu sehen. „Ein Bild lebt auf in der Gesellschaft eines sensiblen Betrachters“, schrieb der gebürtige Lette der Nachwelt ins Stammbuch.  „Die Reaktion des Betrachters kann aber auch tödlich sein“.  Isabelle Hofmann


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