Isabelle Hofmann - Kulturjournalistin und Autorin

Anish Kapoor in der Deutschen Guggenheim

Aus dem Weltraum betrachtet sieht das Objekt aus wie ein riesiges Oval. Silbrig schimmernd und formvollendet. „The Bean“, die Bohne, wie die Chicagoer liebevoll Anish Kapoors Skulptur „Cloud Gate“ im Millennium Park nennen, ist so gewaltig, dass man sie ohne weiteres auf dem Sattelitenbild von Google Maps erkennen kann. Ein Wunderwerk wie aus einer fremden Welt, das Erinnerungen an den schwarzen Monolithen  aus Stanley Kubricks Kultfilm „2001– Odyssee im Weltraum“ wachruft. Der US-Regisseur versuchte in dem Science-Fiction-Epos von 1968 „eine visuelle Erfahrung zu schaffen, die sich der Verbalisierung entzieht und deren emotionaler Gehalt direkt ins Unterbewußtsein dringt" – und genau das schafft Kapoor mit seinen gigantischen, magischen Objekten: Sie zielen unmittelbar auf  Hirn und Herz, sind unfassbar groß, schwindelerregend schön und scheinen gleich dem Monolithen vom Himmel gefallen zu sein – geschickt von einer höheren Macht, unser Bewusstsein zu erweitern.

Als Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin hat der britisch-indische Bildhauer, der heute zu den weltweit wichtigsten Künstlern zählt, eine Art aufgebrochenes Ei aus 22 Tonnen unbehandeltem Stahl entworfen, das ab Ende Oktober den gesamten Ausstellungsraum einnehmen soll. Der Betrachter wird auf einem provisorischen Pfad um das Haus Unter den Linden herumgehen können, um die biomorphe Form an drei Stellen in Augenschein zu nehmen. Als Ganzes jedoch wird sie nicht wahrnehmbar sein. Das Bild des Kunstwerkes, so hat es Anish Kapoor geplant, soll einzig und allein im Kopf des Betrachters entstehen – als mythologisches „Memory“.

 „Ich habe noch nie einen Künstler getroffen, der sich traut, in so großzügigen Maßstäben zu denken“, bemerkte eine Besucherin  nach der Ausstellung des Bildhauers vergangenen Herbst im Münchner Haus der Kunst. In der Tat: Kapoors Kunst sprengt alle herkömmlichen Dimensionen. Das mag daran liegen, dass er nicht in materiellen, sondern in metaphysischen Räumen denkt. Die Unermesslichkeit des Universums, die Leere, das Verhältnis zwischen Materie und Geist, innerer und äußerer Welt sind die komplexen  Themen, die ihn umtreiben. Dabei bedient sich der Künstler der unterschiedlichsten Materialien. Stahl, Stein, Glas, Kunststoff, Aluminium, Fieberglas, PVC, Lack und Farbpigmente.  Für seine Münchner Retrospektive, just in jenem Bau, in dem Hitler 1937 die Moderne als „Entartete  Kunst“ verteufelte,  entwarf er einen schmierigen Klotz aus Wachs und Vaseline und ließ ihn auf Schienen durch die Ausstellungshallen fahren. Groß wie ein Eisenbahnwagon und tiefrot gefärbt, quetschte sich das anfangs noch unförmige 40 Tonnen schwere Monstrum im Schneckentempo durch Türen und Gänge, gewann dabei an Konturen, hinterließ an Decken und Wänden Schleimspuren,  die von Mal zu Mal dicker und wulstiger wurden. Ein ungeheuerliches, ein faszinierendes Spektakel, das Assoziationen an die Schrecken des Holocaust und die entsetzlichen Judentransporte auslöst, aber auch Vorstellungen von gewaltsamer Penetration oder einer  Geburt.  Wie immer verweigert der Künstler eine eindeutige Interpretation, doch der Titel gibt einen Anhalt: „Svayambh“ stammt aus dem  Sanskrit, der heiligen Sprache der Hindus, und bedeutet soviel wie „aus sich selbst erzeugt“. 

 Noch nie war der Schöpfungsvorgang so unmittelbar nachvollziehbar wie in dieser Arbeit, die Frage nach dem Ursprung allen Seins jedoch durchzieht Kapoors gesamtes Schaffen. Als Sohn eines Hindus und einer irakischen Jüdin ist der 53-Jährige davon  überzeugt, dass Kunst eine religiöse Funktion hat.  „Irgendwie ist es nicht genug, dass ein Objekt gemacht wird. Es gibt eine Notwendigkeit, über das Gestalten hinauszugehen“, sagt der stämmige kleine Mann, dessen Werk eine beispiellose Symbiose aus westlicher Kunsttradition und östlicher Philosophie darstellt.

Anfang der 80er Jahre, nach seinem Studium an der Londoner Chelsea School of Art, erregte Kapoor erstmals Aufmerksamkeit mit geometrischen Bodenobjekten aus Holz und Gips. Mit Farbpigmenten bestäubt,  in leuchtendem Gelb, Kobaltblau, Purpurrot und Schwarz muten sie an wie Opfersteine. Die psychische Kraft der Farbe spielt in Kapoors Werk eine entscheidende Rolle,  ebenso die Ästhetik. Fast alle Objekte sind von überwältigender Erhabenheit und perfekt in ihren Proportionen.  Zu den intensivsten Erlebnissen gehört „Yellow“ (1999), ein riesiges gelbes Quadrat, das sich nach innen wölbt und in der Mitte  einen Kreis bildet. Hier verwischen die Grenzen zwischen Malerei und Plastik vollständig und es wird klar, warum sich der Professor an der Royal Academy of Arts als Bildhauer und Maler bezeichnet. Schwarz nimmt in seinem Kosmos eine besondere Stellung ein. Schwarz steht für die Leere und die Löcher, die immer mehr an Bedeutung gewinnen, seit Anish Kapoor auf der Biennale in Venedig 1990 die Jury mit einem Ensemble aus Standsteinwürfeln begeisterte, die jeweils mit einem  schwarzen Loch durchbohrt waren.  „Void Field“ im British Pavillon erhielt den begehrten „Premio 2000“ und verhalf dem Bildhauer zum internationalen Durchbruch. Ein Jahr später folgte der Turner-Preis, 1992 die documenta IX mit „Descent into Limbo“, einem begehbaren Raum, in dessen Mitte ein schwarzes Loch den Blick in die Tiefe zieht.  Im gleichen Jahr entwickelte der Meister die Metallobjekte, die mittlerweile zu seinen populärsten Werken zählen: Hochglänzende Kugeln, Scheiben, konvexe und konkave Spiegel, die die Außenwelt samt Betrachtern reflektieren und auf den Kopf stellen.  Die erste Edelstahlskulptur,  „Turning the World Upside Down III“ (1992),  eine ausgehöhlte, chromglänzende Kugel, steht heute in der Lobby der Deutschen Bank Zentrale in London.  Für Friedhelm Hütte, Direktor der Kunstsammlung der Deutschen Bank, ist es „eine seiner wichtigsten Arbeiten überhaupt und ein Glanzpunk der Sammlung der Deutschen Bank“. Für das Projekt im Deutschen Guggenheim hat Hütte den Künstler, dessen Papierarbeiten in der DB-Kollektion zahlreich vertreten sind,  mehrfach in seinem Atelier besucht. Wobei der Begriff „Atelier“ falsche Vorstellungen weckt: Kapoor unterhält im Südlondoner Stadtteil Camberwell eine Kunstfabrik, die es glatt mit den Hamburger Airbus-Hallen aufnehmen könnte: Dutzende von Mitarbeitern sind hier am Grundieren, Schleifen und Lackieren, bauen Modelle und experimentieren mit neuen Baustoffen. In dieser Werkstatt wurde das Modell für „Cloud Gate“ (1999-2006) entwickelt, dem 110 Tonnen schweren Wolkentor aus spiegelndem Edelstahl in der organisch weichen Form einer Bohne (daher der Spitzname), unter dem man hindurch spazieren kann. Auch das von „Marsyas“, dem über 150 Meter langem und 35 Meter hohen, trichterförmigem Gebilde aus  hauchdünner roter PVC-Membran, das seit 2002  die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern füllt. Es könnten die Gänge einer Raumstation sein, oder ein bizarres, außerirdisches Lauschinstrument. Der Mensch davor schrumpft auf Ameisengröße und weiß nicht mehr, was innen und was außen ist. Den Besuchern der Tate Modern ist es  ebenso unmöglich, das Werk auf einen Blick zu erfassen, wie demnächst in Berlin.  Doch bei dem neuen Projekt stellt sich verschärft das Problem der Passgenauigkeit. „Memory“ soll nicht nur  Wände und Decke der Deutschen Guggenheim an mehreren Stellen tangieren, sondern später auch im New Yorker Mutterhaus. Die äußerst kniffligen Berechnungen, die hierzu notwendig sind, bewältigt Kapoor mittels Computersimulationen. Zum ersten Mal konstruiert er hier ein stählernes Riesenpuzzle aus 50 bis 100 Einzelteilen, das erst vor Ort zusammengeschraubt wird. Von außen sollen die Schnittstellen eine Linienstruktur mit stark grafischem Reiz ergeben, von innen jedoch ist die Hülle glatt und intakt wie ein Kokon erdacht. Die Ingenieure der holländischen Schiffsbaufirma, die mit der Ausführung betraut sind, bauen das Ei dieser Tage in Rotterdam schon einmal zur Probe auf  – Kapoor ist Perfektionist und kontrolliert jedes Detail persönlich. Derzeit ist zwar noch nichts zu sehen, doch eines steht jetzt schon fest: Der logistische und statische Kraftakt von „Memory“ in der Deutschen Guggenheim wird das Vorstellungsvermögen der Besucher sprengen. Wieder einmal.  Isabelle Hofmann

„Memory“, Deutsche Guggenheim, 30. 10. Bis 25.1.2009, Unter den Linden 13-15, täglich 10-20 Uhr, Eintritt 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, montags frei.


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